Sanitätsdienst reagiert: Nach Kritik an PTBS-Zahlen wird die Statistik geändert

23.01.2012 14:55 von Deutsche Kriegsopferfürsorge

Nach der Meldung über den Höchststand an PTBS-Fällen hält die Verwirrung an

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat wohl auf die Kritik der DKOF an den verwirrenden PTBS-Zahlen reagiert: Zu der erst kürzlich veröffentlichten Statistik über die PTBS-Fälle in der Bundeswehr ist nun (23. Januar ) fast unbemerkt im erklärenden Text ein Satz hinzugefügt worden, der am Tage der Veröffentlichung (20. Januar) dort nicht zu lesen war:

 

"Im Jahr 2011 wurden 194 Fälle einer Posttraumatischen Belastungsstörung als Neuerkrankung registriert."

Nach unserem Kenntnisstand wird hierdurch erstmals zwischen "Altfällen" und "Neufällen" unterschieden, was die Statistik besser erklären soll. Die Verwirrung über diese Salamitaktik in der Informationsarbeit hält aber an: Seit vielen Jahren werden kontinuierlich steigende PTBS-Zahlen gemeldet - bis zum neuen Höchststand von 922 Betroffenen im letzten Jahr. Und auf einmal wird still und unauffällig die Zählweise geändert und die Quote "Neuerkrankungen" eingeführt.

Sollte das der Versuch sein, die Statistik besser lesbar zu machen? Dann wäre eine solche Information zu begrüßen. Allerdings ist diese Vorgehensweise nicht üblich: Seit Jahren wird nach anderen Kriterien gezählt - noch am 20. Januar 2011 erscheint die neueste Statistik ohne den "Neuerkrankungs"-Zusatz. Wenn schon nachträglich eine solche Erklärung hinzugefügt wird, dann müsste zumindest der Bearbeitungsstand aktualisiert werden.

Oder soll dieser Zusatz dazu benutzt werden, nach einem Höchststand an PTBS-Fällen die Problematik nun klein zu rechnen? Die PTBS-Quote würde wieder auf das immer schon behauptete 1 Prozent fallen, und alle die, die seit den 1990er Jahren behaupten, die Bundeswehr habe im Vergleich zu allen anderen Armeen weltweit die niedrigste Quote an PTBS-Fällen, könnten sich beruhigt zurücklehnen: Keine weiteren Maßnahmen erforderlich, die Kritik der Betroffenen ist wie immer völlig übertrieben, das Problem wird in der Öffentlichkeit nur aufgebauscht dargestellt!

Das neue Zahlenspiel des Sanitätsdienstes ist wenig hilfreich, zumal es neue Fragen aufwirft: Durch die Einführung der Zahl der "Neuerkrankungen" für das Jahr 2011 wären somit 728 "PTBS-Fälle" nach einem Auslandseinsatz in einem Bundeswehrkrankenhaus behandelt worden, die bereits (Jahre?) zuvor einmal behandelt wurden.

Gleichzeitig betont der Sanitätsdienst, dass die dauerhafte Erfolgsquote der Behandlung von PTBS etwa 80 Prozent beträgt. Heisst das nun, dass diese 728 Alt-Fälle zu den 20 Prozent gehören, die noch nicht erfolgreich therapiert werden konnten? Wie viele Neu- und Alt-Erkrankungen muss es dann wohl in der Vergangenheit gegeben haben?

Der Sanitätsdienst sollte die Erfassung und Meldung von PTBS-Betroffenen nicht scheibchenweise verändern, sondern einen neuen Wurf wagen: Die Statistik sollte glaubwürdig, nachvollziehbar und transparent geändert werden - nachträglich, gegenwärtig und zukünftig. Unsere offenen Fragen aus unserem vorherigen Artikel sind durch die neueste Änderung nicht hinreichend beantwortet. Wenn der Sanitätsdienst diese Fragen sich selbst nicht ehrlich stellt und auf die stetig ansteigende Zahl von PTBS-Erkrankten nicht angemessen reagiert, werden immer weniger von ihnen ausreichend behandelt und versorgt werden können. Wir werden nun offiziell um Antworten bitten. 

Quelle:

Aktuelle PTBS Zahlen der Bundeswehr, Stand 20.01.2012, Version 1 vom 20.01.2012

Aktuelle PTBS Zahlen der Bundeswehr, Stand 20.01.2012, Version 2 vom 23.01.2012

(und falls wieder etwas geändert werden sollte, hier der Link auf bundeswehr.de...)


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