Tino Käßner in Bologna
Tino Käßner Bologna 2009

Guten Tag zusammen,

Am 14. November 2005 um 14:30 Uhr wurden wir in der afghanischen Hauptstadt Kabul durch einen Jeep absichtlich von der Straße gerammt. Dann zündete der darin sitzende Selbstmordattentäter einen großen Sprengsatz. Ich wurde lebensgefährlich verletzt. Die Ärzte amputierten meinen rechten Unterschenkel, ein Kamerad starb bei dem Anschlag und mein Freund Stefan Deuschl verlor beide Beine. Nachdem ich fünf Tage später im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz aus dem künstlichen Koma erwachte, beschloss ich, trotz meiner jetzigen Behinderung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern mein neues Leben in die Hand zu nehmen und positiv in die Zukunft zu schauen. In der Reha entdeckte ich wieder den Sport für mich. Über das Klettern und Ski-Fahren gelang es mir 2007, die ersten Titel im Behindertenradsport einzufahren. In meiner noch jungen Radkarriere wurde ich 2008 Deutscher Meister im 1000 Meter Bahnsprint. Heute trainiere ich für die paraolympischen Spiele 2012 und ich bin Botschafter der Deutschen Kriegsopferfürsorge.

Ich möchte den Betroffenen Mut machen, ihren eigenen Weg zu finden. Und ich muss mich dafür einsetzen, dass den Heimkehrern aus den "kriegsähnlichen Situationen" geholfen wird, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie grundlegend sich das Leben nach einer Verwundung verändert. So gut die medizinische Erstversorgung auch ist, so umständlich ist das weitere Procedere im Heimatland. Die Heimkehrer kommen hier in Deutschland an und die Welt sieht anders aus, riecht anders, hört sich anders an. Während es zuvor schnell und pragmatisch zuging, müssen die Betroffenen ab jetzt regelmäßig um die Anerkennung ihrer Beschädigungen und um ihre Entschädigungen kämpfen. Die gesamte Beweislast liegt dabei bei den Verwundeten. Im Schnitt sind zwischen zwanzig und fünfzig Antragsverfahren zu erdulden!

Das wichtigste nach dem Anschlag ist es, Stabilität und Sicherheit in den Alltag zu bringen. Wenn aber ein verwundeter Soldat danach noch finanzielle Probleme zu bewältigen hat, dann kann einem die ganze Sache wirklich schnell über den Kopf wachsen. Viele Betroffene schlafen nicht nur schlecht, weil sie ihre traumatische Vergangenheit nicht verarbeiten konnten, sondern weil die Gegenwart und die Zukunft nicht viel besser aussehen.

Die Fälle, und ich kenne aus meinem Freundeskreis viele solcher Fälle, laufen meist nach dem gleichen Muster ab: Die ersten Anträge an Ämter und Behörden werden zuerst verzögert und dann zumeist abgelehnt. Da sitzen Mitarbeiter auf den Behörden, die sagen Dinge wie "Ach, was Sie da behaupten, das kann doch so gar nicht passiert sein. Das war doch ein Friedenseinsatz". Oder sie meinen "Na und? Sie sind doch freiwillig zur Bundeswehr gegangen. Da hat sie ja niemand zu gezwungen". Das tut weh.

Nachdem die wichtigsten Anträge abgelehnt wurden, steht den Betroffenen der Rechtsweg offen. Es gibt Prüfbögen und Gutachten, Bescheide und Ablehnungen, Sozialgericht und am Ende gar Sozialhilfe. Wir kennen viele beschädigte und verzweifelte ehemalige Soldaten, die als Veteranen von Sozialhilfe leben müssen. Sie konnten ihre Rechte nicht umsetzen, weil ihnen niemand dabei geholfen hat. Aus diesem Grund hat sich die Deutsche Kriegsopferfürsorge gegründet. Wir kümmern uns darum, dass die im Gesetz vorgesehenen Hilfen ausgeschöpft werden. Die Deutsche Kriegsopferfürsorge schafft eine Sicherheit, die bei manchen Betroffenen bis zum Renteneintrittsalter andauert.

Die Arbeit der Deutschen Kriegsopferfürsorge ist mir sehr wichtig und ich identifiziere mich damit. Bei der Deutschen Kriegsopferfürsorge fühle ich mich zuhause, weil hier Menschen arbeiten, die ähnliche Erfahrungen machen mussten wie ich und die sich mit der Not der Kameraden nicht abfinden.

Ich wünsche mir, dass Sie uns unterstützen. Wir sind auf gute Menschen angewiesen, die uns und unserer Sache helfen. Ein Soldat, der durch Deutschland in den Einsatz für sein Land geschickt wird, sollte als verletzter Heimkehrer zumindest die Leistungen erhalten, die ihm nach geltendem Recht zustehen. Die Familien, die einen gefallenen Soldaten zu betrauern haben, sollten mindestens die gesetzlich verankerten Entschädigungen erhalten und nicht das Land verklagen müssen, für das der Angehörige sein Leben liess.

Wenn Sie Fragen haben oder mir schreiben möchten, senden Sie Ihre E-Mail bitte an .

Bitte helfen Sie gemeinsam mit mir den verwundeten Soldaten und bleiben Sie gesund!

Ihr Tino Käßner

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